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Was ist arabischer Antisemitismus?
von Yigal Carmon
Einleitung
Der Antisemitismus in den arabischen Gesellschaften ist
ein Phänomen, das sowohl in der Region des Nahen Ostens
als auch in der hiesigen Öffentlichkeit lange nicht
genügend Beachtung gefunden hat. Dabei lässt eine
genaue Beobachtung der arabischen Medienlandschaft den Schluss
zu, dass antisemitisches Denken in der Region weit verbreitet
ist. Das lässt sich etwa daran ablesen, dass selbst
groteskeste Formen antisemitischer Verschwörungstheorien
ihren Weg auch in seriöse arabische Zeitungen finden,
ohne dass dies zu nennenswerter Kritik oder gar Protesten
führen würde.
Die Gründe für dieses Phänomen sind vielfältig.
An erster Stelle wäre sicher die Wahrnehmung vieler
Araber und Muslime zu nennen, sich als ohnmächtige Opfer
global agierender Mächte zu betrachten. Dabei spielt
das Vermächtnis der Kolonialgeschichte ebenso eine Rolle
wie die Gründung des Staates Israel, der die ehemaligen
Kolonialstaaten als Feindbild Nr.1 in der arabischen Welt
gewissermaßen beerbt hat. Eine Vielzahl von Verschwörungstheorien
kursieren, in denen Juden – oder wahlweise Israel und
dem Zionismus – vorgeworfen wird, die arabischen Gesellschaften
schwächen und letztendlich die Welt beherrschen zu wollen.
Der Antisemitismus erfüllt dabei wie in der europäischen
Geschichte verschiedene Funktionen: Vor allem anderem lenkt
er von den tatsächlichen Problemen in den Ländern
der Region ab und konzentriert den Unmut über innere
krisenhaft verlaufende gesellschaftliche Entwicklungen auf
einen äußeren Feind, gegen den die Reihen des
eigenen Kollektivs geschlossen werden.
Immer wieder wird indes das Wiederaufleben des Antisemitismus
als zumindest nachvollziehbare, wenn nicht gar legitime Reaktionen
von Arabern und Muslimen auf Israels Verhalten im Konflikt
mit den Palästinensern dargestellt. Zwar kann vermutet
werden, dass die Konjunkturen antisemitischer Hasspropaganda
in der arabischen Welt durchaus mit Entwicklungen und Ereignissen
im Rahmen des Nahostkonflikts zu tun haben. Dagegen spricht
allerdings, dass die einzelnen Formen, in denen antisemitische
Stereotypen heute in den arabischen Medien zutage treten,
weitestgehend vom realen Konfliktgeschehen zwischen Israel
und den Palästinensern abgekoppelt sind. Nach einem
allgemeinen Überblick will ich mich im Folgenden mit
drei dieser Erscheinungsformen antijüdischer Propaganda
in der arabischen Welt beschäftigen:
- antijüdische Haltungen, die sich auf traditionelle
religiöse Quellen berufen;
- antisemitische Stereotype, Feindbilder und Beschuldigungen
mit europäischen und christlichen Wurzeln;
- Holocaustleugnung und Gleichstellung von Zionismus
und Nazismus
Zur Geschichte des Antisemitismus in der arabischen Welt
Über den Status der Juden als tolerierte Minderheit
in der muslimischen Welt vor dem Aufkommen des Zionismus
gibt es unterschiedliche Auffassungen. Auf der einen Seite
hört man oft, dass Juden (und Christen) im islamischen
Herrschaftsbereich den Status einer geschützten Minderheit
hatten und dass insbesondere die Juden im muslimischen Spanien
ein „goldenes Zeitalter“ in Frieden und Wohlstand
erlebt hätten. Auf der anderen Seite heißt es,
dass Juden und Christen keine rechtliche Gleichberechtigung
genossen und nicht mehr als Bürger zweiter Klasse gewesen
sind. Diese gegensätzlichen Versionen bringt Bernard
Lewis so auf einen Nenner:
Das von vielen jüdischen und israelischen Autoren romantisierte „Goldene
Zeitalter“ der Gleichberechtigung im mittelalterlichen
Islam ist ein Mythos, der eher auf Sympathie von Juden für
den Islam zurückzuführen ist. Dieser Mythos wurde
im 19. Jahrhundert von europäischen Juden geschaffen,
um ihn den Christen als positives Beispiel vorzuhalten – während
er heute von Muslimen aufgegriffen wird, um ihn als Vorwurf
gegenüber Juden einzusetzen.
Wie in den meisten machtvollen Mythen steckt jedoch auch
in dieser Geschichte ein Stück historischer Wahrheit.
Wenn Toleranz bedeutet, dass Einzelne oder Bevölkerungsgruppen
nicht verfolgt werden, dann war die klassische islamische
Gesellschaft tatsächlich sowohl gegenüber Juden
als auch gegenüber Christen tolerant – in Spanien
vielleicht toleranter als im islamischen Osten, auf jeden
Fall aber toleranter als das mittelalterliche Christentum.
Wenn Toleranz hingegen heißt, dass es keine Diskriminierung
gibt, dann war islamische Herrschaft niemals und nirgends
tolerant. Vielmehr insistierte sie auf der privilegierten Überlegenheit
der wahren Gläubigen in dieser wie auch in der nächsten
Welt. [1]
Wenn im Folgenden also der arabische Antisemitismus als
zeitgenössisches Medienphänomen im Mittelpunkt
steht und die Haltung von Muslimen gegenüber Juden und
Judaismus vor der Neuzeit nicht näher thematisiert wird,
bedeutet dies nicht, dass Restbestände einer Jahrhunderte
alten Tradition unterschätzt werden sollten. Wie man
sich leicht vorstellen kann, rekurriert die arabische Haltung
gegenüber Israel und dem Zionismus auch auf tradierten
mittelalterlichen Stereotypen.
Zeitgenössischer Antisemitismus in den arabischen
Medien
Mitunter wird die These formuliert, dass in Ländern
mit staatlich gesteuerten Medien die Öffentlichkeit
einen gewissermaßen „gesunden“ Widerstand
gegenüber der Staats- oder Parteilinie entwickelt und
ihre Sympathien oder Antipathien unabhängig vom Medienapparat
entwickelt. Dies würde bedeuten, dass die Öffentlichkeit
in den arabischen Ländern - daran gewöhnt, den
staatlichen Medien zu misstrauen – dazu tendieren könnte,
deren vielfach antisemitisch geprägten Beiträge
zu ignorieren. Leider gibt es jedoch für solch eine
optimistische Annahme keine Grundlage. Antisemitische Denkmuster
sind in den Staaten der arabischen Welt weit verbreitet und
bieten eine wesentliche Grundlage von Weltdeutungen, die
sich in den zeitgenössischen Medien in den stereotypen
Bildern von Juden und Israelis widerspiegeln.
Antisemitisches Denken im Mittleren Osten steht als modernes
politisches, ideologisches und mediales Phänomen in
engem Zusammenhang mit der Entstehung des Zionismus und der
Gründung von Israel als souveränem Staat. Diese
Wechselbeziehung wird offensichtlich, wenn man betrachtet,
wann maßgebliche antisemitische Publikationen auf Arabisch
erschienen sind: Der erste arabische Roman mit deutlich antisemitischen
Motiven erschien 1921. 1927 wurde die erste arabische Übersetzung
der ‚Protokolle der Weisen von Zion’ veröffentlicht.
Und nach 1947 nahm die Zahl antisemitischer arabischer Publikationen
noch einmal deutlich zu. Dennoch wäre es falsch vor
diesem Hintergrund anzunehmen, dass der arabische Antisemitismus
ausschließlich vom palästinensisch-israelischen
Konflikt abhängig sei. Das zeigt sich nicht zuletzt
in den einzelnen Motiven und Stereotypen, in denen er in
Erscheinung tritt. [2]
Traditionelle islamische Quellen
Eine verbreitete Abwertung von Juden, die häufig von
religiösen Predigern formuliert wird, aber auch in politischen
Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln auftaucht, besteht darin,
sie als Nachkommen von Affen und Schweinen zu bezeichnen.
Diese Beleidigung basiert auf verschiedenen koranischen Versen,
die darlegen, dass Gott einige Juden in Affen und Schweine
verwandelt hätte, weil sie Muhammad nicht als Propheten
anerkannt und die Gebote des Sabbats nicht eingehalten hätten.
[3] Die wiederholte Darstellung von Juden in Verbindung mit
Tieren entmenschlicht sie und kann schlussendlich ihre Vernichtung
rechtfertigen. Im Folgenden möchte ich nur einige wenige
Beispiele geben, wie diese Art der Beleidigung in verschiedenen
Kontexten verwendet wurde:
So erklärte der saudische Scheich Abd Al-Rahman Al-Sudayyis,
Imam und Geistlicher der Al-Haram-Moschee, dem als Moschee
der Ka’ba wichtigsten Heiligtum der muslimischen Welt,
in einer seiner Predigten: „Studiert die Geschichte
und ihr werdet verstehen, dass die Juden von gestern die
teuflischen Vorväter der Juden von heute sind. Jene
sind deren teuflische Nachkommen, Ungläubige, Verfälscher
von Gottes Wort, Anbeter des [Goldenen] Kalbes, Prophetenmörder,
Verleugner der Prophezeiung [...], der Abschaum der Menschheit.
Allah verdammte sie und verwandelte sie in Affen und Schweine
[...]. Das sind die Juden: der immerwährende Inbegriff
von Betrug, Widerspenstigkeit, Zügellosigkeit, Sünde
und Korruption [...].“ [4]
Dieses Image wird auch schon Kindern vermittelt: Im Mai
2002 strahlte der saudische Satellitenkanal Iqraa im Rahmen
eines religiösen Frauenmagazins ein Interview mit einem
dreijährigen „echten muslimischen Mädchen“ aus,
in dem es um „die Juden“ ging. Auf die erste
Frage, ob sie Juden möge, antwortete das Mädchen „Nein“.
Auf die Frage, warum das so sei, führte sie aus, dass
Juden „Affen und Schweine sind“. Als die Moderatorin
schließlich fragte, wer dies denn sagen würde,
antwortete das Mädchen: „Unser Gott“. „Und
wo sagt er das?“ „Im Koran“, so die Antwort
der Dreijährigen. Am Ende fasste die Moderatorin zusammen: „Niemand
kann sich von Allah ein gläubigeres Mädchen als
dieses wünschen [...]. Möge Allah sie und ihre
Eltern segnen.“ [5]
Auch der Kolumnist der ägyptischen Oppositionszeitung
Al-Ahrar, Salim'Azzouz, bediente sich dieses Bildes als er
Israels Rückzug aus dem Libanon im Frühjahr 2000
so beschrieb: „Sie flohen wie die Schweine - mit nichts
als der Haut auf ihren Körpern. Aber warum sage ich
eigentlich wie die Schweine, wo sie doch tatsächlich
Affen und Schweine sind?“
Ein weiteres populäres, traditionell antijüdisches
Motiv ist „Das Versprechen der Steine und Bäume“.
Nach diesem oft zitierten Ausspruch des Propheten (Hadith)
werden die Muslime vor dem Jüngsten Tage gegen die Juden
kämpfen und sie besiegen. Um sich zu retten, würden
sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken.
Die Steine und Bäume aber werden rufen: „Oh, Muslim,
oh Diener Gottes, ein Jude versteckt sich hinter mir. Komm
und töte ihn.“ Kurz vor dem Irakkrieg zitierte
ein Prediger in der größten Moschee in Bagdad
diesen Hadith im staatlichen irakischen Fernsehen. Währenddessen
schwang er ein Schwert und rief: „Wir werden ihnen
die Köpfe abschlagen“.
Westliche Elemente
Der arabische Antisemitismus hat alle europäischen
antisemitischen Mythen aufgegriffen. Die offensichtlichsten
Beispiele dafür ist die Übernahme der notorischen
Ritualmordvorwürfe oder der Bezug auf die „Protokolle
der Weisen von Zion“.
Der Ritualmordvorwurf ist in der arabischen und muslimischen
Welt immer noch geläufig und tritt sogar in wichtigen
staatlichen Zeitungen auf. Zuletzt geschah dies auf dem Satellitensender
der libanesischen Hizbullah Al-Manar, der in einer mehrteiligen
Vorabendserie zur Geschichte des Judentums unter anderem
auf den Ritualmordvorwurf als Propagandainstrument zurückgriff
und die vermeintliche Tat in abscheulicher Form inszenierte.
[6] Meist werden solche abstrusen Anklagen im Kontext von
Kritik an israelischen Aktionen gegen Palästinenser
verwendet. Im August 2002 lud der Pariser Gerichtshof den
Chefredakteur der ägyptischen Tageszeitung al-Ahram,
Ibrahim Nafie, vor. Nafie wurde der Aufstachelung zu Antisemitismus
und rassistischer Gewalt angeklagt, weil er die Veröffentlichung
eines Artikels mit dem Titel „Jüdische Matze aus
arabischem Blut“ erlaubt hatte, der auch in der internationalen
Ausgabe der Al-Ahram erschienen war. [7] Der Artikel stellte
eine Verbindung zwischen dem „Ritualmordskandal“ in
Damaskus aus dem Jahre 1840 und den Aktivitäten Israels
in den besetzten Gebieten her. [8]
Die Anklage gegen Nafie, der auch Vorsitzender der arabischen
Journalistengewerkschaft ist, rief einen Sturm der Entrüstung
und des Protests in der arabischen Welt hervor. In einigen
Zeitungen war in der Folge von „intellektuellem Terrorismus“, „einem
Schlag gegen die Meinungsfreiheit“, „einer zionistischen
Attacke gegen die ägyptische Presse“, von „Erpressung
durch die zionistische Lobby in Frankreich“ und von
einer „Beleidigung der gesamten arabischen Presse“ die
Rede.
Auch die „Protokolle der Weisen von Zion“ werden
im antijüdischen Diskurs in der arabischen Welt häufig
benutzt, um anhand dieser „Quelle“ die Behauptung
von einer „jüdischen Weltverschwörung“ zu
belegen. Einige arabische Meinungsmacher zitieren dieses „Dokument“,
um zu zeigen, dass es einen heimtückischen jüdischen
Herrschaftsplan gibt, wie er in den Protokollen dargelegt
wird. Den Juden wird vorgeworfen, alle möglichen Methoden
zur Durchsetzung ihres Ziels zu benutzen: Sie kontrollieren
demnach weltweit Wirtschaft und Medien, untergraben Moral
und menschliche Werte und provozieren internationale und
interne Konflikte und Kriege.
Durch die Ausstrahlung der ägyptischen Fernsehserie „Reiter
ohne Pferd“ zum Ramadan 2002 wurde die Verwendung der „Protokolle
der Weisen von Zion“ als historische Quelle auch über
die Region hinaus bekannt und diskutiert. [9] Die bereits
erwähnte Serie bildet in gewisser Weise eine Fortsetzung:
Zum Ramadan 2003 strahlte ebenfalls zur besten Sendezeit
Al-Manar die in Syrien produzierte Vorabendserie Al-Shatat
(Die Diaspora) aus, die vorgab, das jüdische Leben in
der Diaspora und die Entstehung des Zionismus zu zeigen.
Neben den beschriebenen grausigen Ritualmordszenen an einem
christlichen Kind wurde auch „dokumentiert“,
wie Amschel Rothschild, Gründer einer angeblichen jüdischen
Weltregierung, am Totenbett seine Söhne instruiert,
die Welt unter sich aufzuteilen und Kriege anzuzetteln, um
die Völker der Welt zu unterwandern und so zu schwächen,
dass sie den finanziellen und politischen Zielen der Juden
dienen würden.
Zwar wissen natürlich viele arabische Autoren, dass
es sich bei den „Protokollen“ nicht um eine authentische
Quelle handelt, zu selten treten sie allerdings mit diesem
Wissen an die Öffentlichkeit. [10] Im Gegenteil kann
sogar noch das Zugeständnis, dass es sich um eine Fälschung
handle, als Argument gegen die Juden verwandt werden. So
schrieb etwa der libanesische christliche Autor Ghassan Tueni: „Wenn
wir nicht wüssten, dass die ‚Protokolle der Weisen
von Zion’ im 19. Jahrhundert vom russischen Geheimdienst
gefälscht worden sind, [...] könnten wir sagen,
dass das, was heute passiert, genau dem entspricht, was das
Weltjudentum geplant hat. Schließlich ist das was wirklich
passiert, dem, was fälschlicherweise dem [Weltjudentum]
zugeschrieben wird, sehr ähnlich – etwa die Verschwörung
[der Juden], um die Weltherrschaft zu erlangen […];
die weltweiten Aktivitäten [des Weltjudentums] und auf
den von ihnen erreichten finanziellen, politischen und militärischen
Status. Und zu alldem kommt noch ihr Bestreben, alles zu
zerstören, was anderen heilig ist.“ [11]
Holocaustleugnung und Gleichstellung von Zionismus und Nazismus
Neben den vielfach dokumentierten Versuchen, den Holocaust
zu leugnen oder zu relativieren [12], besteht der verbreitetste
Trend in der arabischen antizionistischen Literatur sicherlich
in der Gleichsetzung von Zionismus und Nazismus. So unterstellen
eine große Anzahl von Artikeln, Karikaturen oder Fernsehberichten
eine Ähnlichkeit zwischen den Ideologien beider Bewegungen.
Insbesondere wird dabei immer wieder auf einen israelischen
Rassismus gegenüber den Palästinensern verwiesen.
Wie die Nazi-Ideologie an die Überlegenheit der arischen
Rasse geglaubt habe, so würde der Zionismus die Juden
als „auserwähltes Volk“ begreifen und damit
ihr Tun und ihre Expansion rechtfertigen. Außerdem,
so eine häufig wiederholte Anklage, hätten die
Zionisten mit den Nazis kollaboriert. Weil sie Palästina
als das einzig mögliche Ziel der jüdischen Emigration
ansahen, hätten sie rein humanitäre Bemühungen
zur Rettung von Juden kaum unterstützt.
Vor allem aber geht es immer wieder um die Grausamkeit Israels
gegenüber der palästinensischen Bevölkerung.
Diese sei vergleichbar mit derjenigen „der Nazis“ oder übertreffe
diese noch. Israelis, Zionisten oder Juden werden auf diese
Weise individuell und kollektiv dämonisiert. Ihnen wird
jede Untat dieser Welt potentiell zugetraut oder gar direkt
zugeschrieben. So hat sich auch der Glaube bis heute festgesetzt,
dass die Attentäter des 11.9. keine Araber oder Muslime
gewesen seien. Die Behauptung hingegen, dass amerikanische
und/oder jüdisch-israelische Elemente die Attentate
begangen haben, ist zu einem verbreiteten Mythos in der arabischen
Welt geworden. [13]
Die auch an die nicht-arabische Welt gerichtete politische
Botschaft solcher Propaganda ist insbesondere gegenüber
Deutschland klar: Wenn es keinen Holocaust gegeben hat, brauchen
sich die Deutschen gegenüber den Juden nicht schuldig
zu fühlen und müssten sich auf die Seite der Palästinenser
stellen. Das gleiche gilt, wenn die Juden von heute so schlimm
wie die Nazis von damals sein sollten. Auch dann geböten
es Politik und Moral, sich gegen Israel und für die
Palästinenser einzusetzen. Mit diesen Positionen sind
antiisraelische bzw. antisemitische Positionen anschlussfähig
an solche des so genannten „sekundären Antisemitismus“ in
Deutschland.
Was ist zu tun?
Trotz all dieser offenkundigen Erscheinungen wurde der Antisemitismus
in der arabischen Welt sogar in Israel lange ignoriert. Von
ein paar Ausnahmen abgesehen hat die überwältigende
Mehrheit der Nahostexperten in und außerhalb Israels
das Thema gemieden. [14] Dabei spielt es sicherlich eine
Rolle, dass das zionistische Projekt das Problem des Antisemitismus
ja eigentlich lösen sollte. Die Feststellung, dass ein
Hass, dem die Juden glaubten entkommen zu sein, sie auch
im Mittleren Osten traf, wollten viele lieber nicht wahrhaben.
Auch die begründete Befürchtung, dass die Aufdeckung
antisemitischer Stimmungen auf arabischer Seite eine politische
Unnachgiebigkeit in Israel eher noch verfestigen und solchen
politischen Gruppen in die Hände spielen würde,
die jeden territorialen Kompromiss ablehnen, mag zu dieser
Verleugnung beigetragen haben.
Dennoch müssen die Vertreter einer kompromissbereiten
israelischen Politik erkennen, dass es nicht nur intellektuell
falsch, sondern auch politisch kontraproduktiv wäre,
den Antisemitismus auf arabischer Seite weiter zu ignorieren.
Antisemitisches Denken ist in den arabischen Gesellschaften
weit verbreitet, es ist die wohl derzeit gefährlichste
Form des Hasses gegen Juden überhaupt und steht einem
nachhaltigen und friedlichen Ausgleich zwischen Israel und
seinen arabischen Nachbarn grundsätzlich im Wege. Das
ist nicht zuletzt auch daran abzulesen, dass die Friedensabkommen
zwischen Israel, Ägypten und Jordanien nicht zu einer
tiefer greifenden Normalisierung im Verhältnis der Gesellschaften
geführt haben. Sich gegen den Antisemitismus in den
arabischen Staaten zu stellen, heißt aus diesem Grund
nicht einfach bloß gegen Unwahrheit und Vorurteile
zu kämpfen, sondern ist auch der Versuch, einen wesentlichen
Bestandteil der Beziehungen zwischen Juden und Arabern zu
verbessern.
Deshalb müssen Erscheinungsformen antisemitischer Ideologie
weiterhin aufgegriffen und einer breiteren Öffentlichkeit
bekannt gemacht werden. Zu hoffen ist, dass es auf diesem
Wege zu internationalem Protest und diplomatischem Druck
auf die relevanten arabischen Regierungen und Institutionen
kommt, in deren Verantwortung und unter deren Kontrolle ein
wesentlicher Teil antisemitischer Propaganda erfolgt.
Natürlich wird wachsender äußerer Druck
von einigen Stimmen in der arabischen Welt nur als neuerlicher
Beweis für die Macht der jüdisch-zionistischen
Lobby und ihren Versuch, die arabische Welt zu diskreditieren,
bewertet und propagandistisch ausgeschlachtet werden. Einige
Erfahrungen zeigen aber, dass arabische Regierungen und Intellektuelle
Kritik und Protesten nicht gleichgültig gegenüberstehen.
So war der Artikel, den der Berater des ägyptischen
Präsidenten Mubarak, Usama al-Baz, im Anschluss an Proteste
gegen die Fernsehreihe „Reiter ohne Pferd“ an
prominenter Stelle veröffentlichte und in dem er den
Antisemitismus verurteilte und die „Protokolle der
Weisen von Zion“ als Fälschung bezeichnete, ein
wichtiger Schritt nach vorn. Tatsächlich wenden sich
immer mehr Intellektuelle, Journalisten und auch Politiker
in der arabischen Welt gegen Verschwörungstheorien wie
den Antisemitismus. [15] Und wenn es zum Beispiel gelänge,
durchzusetzen, dass auf den Landkarten aller arabischen Schulbücher
auch ein Staat namens „Israel“ verzeichnet wäre,
dann wäre auch dies ein nicht zu unterschätzender
Schritt in Richtung einer friedlicheren Zukunft für
die gesamte Region.
[1] Bernard Lewis, Islam in History: Ideas, Men and Events
in the Middle East (London: Alcove Press, 1973), pp. 134-35.
[2] Die folgenden Erkenntnisse basieren auf dem von MEMRI
erstellten Material. MEMRI übersetzt und analysiert
Zeitungen, Schulbücher, einzelne Websites und Freitagsgebete
in Moscheen. Mit dem MEMRI TV Projekt werden seit kurzem
auch politische Magazine, Expertenrunden oder Predigten aus
dem arabischen und iranischen Fernsehen übersetzt.
[3] Qur'an, 2:65, 5:60, 7:166. Zwei dieser Auszüge
(2:65 and 7:166) verdeutlichen, dass die Nichteinhaltung
der Vorschriften zum Sabbat der Grund für diese Verwandlung
war. An einer Stelle (5:60) wird dies als die Bestrafung
der ahl al-kitab ("Leute des Buches", eine Bezeichnung
für Juden und Christen) beschrieben, die sich weigerten,
den wahren Glauben anzunehmen.
[4] Vgl. MEMRI
Special Report No. 11 (1. November 2002)
von Aluma Solnick, 'Based on Koranic Verses, Interpretations,
and Traditions, Muslim Clerics State: The Jews Are the Descendants
of Apes, Pigs, And Other Animals'. [5] Iqraa Television (Saudi Arabia), 7. Mai 2002.
[6] Vgl. MEMRI Special Dispatch – 18. Dezember 2003 ‘A
Ramadan 2003 TV Special on Ritual Murder’
>
Link
[7] Vgl. MEMRI Special Dispatch - 6. September 2002: ‘French
Legal Authorities Investigating Editor of Major Egyptian
Daily for Antisemitism’
> Link
[8] Eine Begebenheit, bei der eine Gruppe Damaszener Juden
beschuldigt wurde, einen Ritualmord an dem italienischen
Kapuzinerbruder Thomas und seinen muslimischen Diener verübt
zu haben. Der Vorfall dokumentiert den Einfluss des christlichen
Antisemitismus auf die Verbreitung antijüdischer Einstellungen
unter Muslimen.
[9] Am 6. November 2002 zeigten einige arabische Fernsehanstalten
(das ägyptische Staatsfernsehen eingeschlossen) die
erste Folge der 41-teiligen Serie “Reiter ohne Pferd”,
in der die „Protokolle der Weisen von Zion“ als
historisches Dokument verwendet werden. Die Serie führte
zu Protesten, das amerikanische Außenministerium drängte
die ägyptische Regierung, die Ausstrahlung der Serie
zu verhindern. Zu zahlreichen Debatten kam es auch in der
arabischen und insbesondere der ägyptischen Presse.
Während die meisten Journalisten die Ausstrahlung der
Serie befürworteten und die Kritik von außen als
Zensurversuch ablehnten, kritisierten andere die Ausstrahlung
solch antisemitischer Sendungen scharf.
Vgl.: MEMRI Inquiry and Analysis - 18. November 2002 “Arab
Press Debates Antisemitic Egyptian Series 'A Knight Without
a Horse'”
> Link
MEMRI Inquiry and Analysis - 19. November 2002 “Arab
Press Debates Antisemitic Egyptian Series 'A Knight Without
a Horse' – Part II”
> Link
MEMRI Inquiry and Analysis - 10. Dezember 2002 “Arab
Press Debates Antisemitic Egyptian Series 'A Knight Without
a Horse' – Part III”
> Link
[10] Zu ihnen zählen unter anderem der syrische Philosoph
Sadeq Jalal al-Azm, der Berater Mubaraks, Usama al-Baz, sowie
der ägyptische Autor Abd al-Wahhab al-Massiri, Herausgeber
einer arabischen Enzyklopädie über das Judentum.
[11] Al-Ayyam (Palestinian Authority), 28. März 2000.
Dieser Artikel erschien ursprünglich aus der libanesischen
Tageszeitung Al-Nahar.
[12] Hier nur zwei jüngst auf unserer Homepage dokumentierten
Bespiele:
MEMRI Special Dispatch – 30. Juli 2004 „Ruling
Party Newspaper: The Holocaust is a Zionist Lie Aimed at
Extorting the West“
> Link
MEMRI Special Dispatch – 27. August 2003 “Hamas
Leader Rantisi: The False Holocaust”
> Link
[13] A New Antisemitic Myth in the Middle East Media: The
September 11 Attacks Were Perpetrated by the Jews
(Washington,
DC: MEMRI, 2002).
[14] Yehoshafat Harkabi's 'Die arabischen
Haltung im israelisch-arabischen Konflikt’, welches
1968 auf erschien, bleibt bis heute die grundlegende Arbeit über
das Thema ('Arab Attidues to Israel’, Tel Aviv
Devir, 1968). Harkabi zögerte nicht, das Phänomen
als Antisemitismus zu bezeichnen. Danach erschien 1971 Bernard
Lewis’ Buch 'Semiten und Antisemiten’.
Andere Autoren sind z.B. Rivka Yadlin, Norman Stillman, Hieb
Ye'or und Ron Nettler.
[15] Yigal Carmon, "Harbingers of Change in the Antisemitic
Discourse in the Arab World" (MEMRI, Inquiry and
Analysis Series, No. 135, April 23, 2003).
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