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Was ist arabischer Antisemitismus?
von Yigal Carmon

Einleitung

Der Antisemitismus in den arabischen Gesellschaften ist ein Phänomen, das sowohl in der Region des Nahen Ostens als auch in der hiesigen Öffentlichkeit lange nicht genügend Beachtung gefunden hat. Dabei lässt eine genaue Beobachtung der arabischen Medienlandschaft den Schluss zu, dass antisemitisches Denken in der Region weit verbreitet ist. Das lässt sich etwa daran ablesen, dass selbst groteskeste Formen antisemitischer Verschwörungstheorien ihren Weg auch in seriöse arabische Zeitungen finden, ohne dass dies zu nennenswerter Kritik oder gar Protesten führen würde.

Die Gründe für dieses Phänomen sind vielfältig. An erster Stelle wäre sicher die Wahrnehmung vieler Araber und Muslime zu nennen, sich als ohnmächtige Opfer global agierender Mächte zu betrachten. Dabei spielt das Vermächtnis der Kolonialgeschichte ebenso eine Rolle wie die Gründung des Staates Israel, der die ehemaligen Kolonialstaaten als Feindbild Nr.1 in der arabischen Welt gewissermaßen beerbt hat. Eine Vielzahl von Verschwörungstheorien kursieren, in denen Juden – oder wahlweise Israel und dem Zionismus – vorgeworfen wird, die arabischen Gesellschaften schwächen und letztendlich die Welt beherrschen zu wollen. Der Antisemitismus erfüllt dabei wie in der europäischen Geschichte verschiedene Funktionen: Vor allem anderem lenkt er von den tatsächlichen Problemen in den Ländern der Region ab und konzentriert den Unmut über innere krisenhaft verlaufende gesellschaftliche Entwicklungen auf einen äußeren Feind, gegen den die Reihen des eigenen Kollektivs geschlossen werden.

Immer wieder wird indes das Wiederaufleben des Antisemitismus als zumindest nachvollziehbare, wenn nicht gar legitime Reaktionen von Arabern und Muslimen auf Israels Verhalten im Konflikt mit den Palästinensern dargestellt. Zwar kann vermutet werden, dass die Konjunkturen antisemitischer Hasspropaganda in der arabischen Welt durchaus mit Entwicklungen und Ereignissen im Rahmen des Nahostkonflikts zu tun haben. Dagegen spricht allerdings, dass die einzelnen Formen, in denen antisemitische Stereotypen heute in den arabischen Medien zutage treten, weitestgehend vom realen Konfliktgeschehen zwischen Israel und den Palästinensern abgekoppelt sind. Nach einem allgemeinen Überblick will ich mich im Folgenden mit drei dieser Erscheinungsformen antijüdischer Propaganda in der arabischen Welt beschäftigen:

  1. antijüdische Haltungen, die sich auf traditionelle religiöse Quellen berufen;
  2. antisemitische Stereotype, Feindbilder und Beschuldigungen mit europäischen und christlichen Wurzeln;
  3. Holocaustleugnung und Gleichstellung von Zionismus und Nazismus

Zur Geschichte des Antisemitismus in der arabischen Welt

Über den Status der Juden als tolerierte Minderheit in der muslimischen Welt vor dem Aufkommen des Zionismus gibt es unterschiedliche Auffassungen. Auf der einen Seite hört man oft, dass Juden (und Christen) im islamischen Herrschaftsbereich den Status einer geschützten Minderheit hatten und dass insbesondere die Juden im muslimischen Spanien ein „goldenes Zeitalter“ in Frieden und Wohlstand erlebt hätten. Auf der anderen Seite heißt es, dass Juden und Christen keine rechtliche Gleichberechtigung genossen und nicht mehr als Bürger zweiter Klasse gewesen sind. Diese gegensätzlichen Versionen bringt Bernard Lewis so auf einen Nenner:

Das von vielen jüdischen und israelischen Autoren romantisierte „Goldene Zeitalter“ der Gleichberechtigung im mittelalterlichen Islam ist ein Mythos, der eher auf Sympathie von Juden für den Islam zurückzuführen ist. Dieser Mythos wurde im 19. Jahrhundert von europäischen Juden geschaffen, um ihn den Christen als positives Beispiel vorzuhalten – während er heute von Muslimen aufgegriffen wird, um ihn als Vorwurf gegenüber Juden einzusetzen.

Wie in den meisten machtvollen Mythen steckt jedoch auch in dieser Geschichte ein Stück historischer Wahrheit. Wenn Toleranz bedeutet, dass Einzelne oder Bevölkerungsgruppen nicht verfolgt werden, dann war die klassische islamische Gesellschaft tatsächlich sowohl gegenüber Juden als auch gegenüber Christen tolerant – in Spanien vielleicht toleranter als im islamischen Osten, auf jeden Fall aber toleranter als das mittelalterliche Christentum. Wenn Toleranz hingegen heißt, dass es keine Diskriminierung gibt, dann war islamische Herrschaft niemals und nirgends tolerant. Vielmehr insistierte sie auf der privilegierten Überlegenheit der wahren Gläubigen in dieser wie auch in der nächsten Welt. [1]

Wenn im Folgenden also der arabische Antisemitismus als zeitgenössisches Medienphänomen im Mittelpunkt steht und die Haltung von Muslimen gegenüber Juden und Judaismus vor der Neuzeit nicht näher thematisiert wird, bedeutet dies nicht, dass Restbestände einer Jahrhunderte alten Tradition unterschätzt werden sollten. Wie man sich leicht vorstellen kann, rekurriert die arabische Haltung gegenüber Israel und dem Zionismus auch auf tradierten mittelalterlichen Stereotypen.

Zeitgenössischer Antisemitismus in den arabischen Medien

Mitunter wird die These formuliert, dass in Ländern mit staatlich gesteuerten Medien die Öffentlichkeit einen gewissermaßen „gesunden“ Widerstand gegenüber der Staats- oder Parteilinie entwickelt und ihre Sympathien oder Antipathien unabhängig vom Medienapparat entwickelt. Dies würde bedeuten, dass die Öffentlichkeit in den arabischen Ländern - daran gewöhnt, den staatlichen Medien zu misstrauen – dazu tendieren könnte, deren vielfach antisemitisch geprägten Beiträge zu ignorieren. Leider gibt es jedoch für solch eine optimistische Annahme keine Grundlage. Antisemitische Denkmuster sind in den Staaten der arabischen Welt weit verbreitet und bieten eine wesentliche Grundlage von Weltdeutungen, die sich in den zeitgenössischen Medien in den stereotypen Bildern von Juden und Israelis widerspiegeln.

Antisemitisches Denken im Mittleren Osten steht als modernes politisches, ideologisches und mediales Phänomen in engem Zusammenhang mit der Entstehung des Zionismus und der Gründung von Israel als souveränem Staat. Diese Wechselbeziehung wird offensichtlich, wenn man betrachtet, wann maßgebliche antisemitische Publikationen auf Arabisch erschienen sind: Der erste arabische Roman mit deutlich antisemitischen Motiven erschien 1921. 1927 wurde die erste arabische Übersetzung der ‚Protokolle der Weisen von Zion’ veröffentlicht. Und nach 1947 nahm die Zahl antisemitischer arabischer Publikationen noch einmal deutlich zu. Dennoch wäre es falsch vor diesem Hintergrund anzunehmen, dass der arabische Antisemitismus ausschließlich vom palästinensisch-israelischen Konflikt abhängig sei. Das zeigt sich nicht zuletzt in den einzelnen Motiven und Stereotypen, in denen er in Erscheinung tritt. [2]

Traditionelle islamische Quellen

Eine verbreitete Abwertung von Juden, die häufig von religiösen Predigern formuliert wird, aber auch in politischen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln auftaucht, besteht darin, sie als Nachkommen von Affen und Schweinen zu bezeichnen. Diese Beleidigung basiert auf verschiedenen koranischen Versen, die darlegen, dass Gott einige Juden in Affen und Schweine verwandelt hätte, weil sie Muhammad nicht als Propheten anerkannt und die Gebote des Sabbats nicht eingehalten hätten. [3] Die wiederholte Darstellung von Juden in Verbindung mit Tieren entmenschlicht sie und kann schlussendlich ihre Vernichtung rechtfertigen. Im Folgenden möchte ich nur einige wenige Beispiele geben, wie diese Art der Beleidigung in verschiedenen Kontexten verwendet wurde:

So erklärte der saudische Scheich Abd Al-Rahman Al-Sudayyis, Imam und Geistlicher der Al-Haram-Moschee, dem als Moschee der Ka’ba wichtigsten Heiligtum der muslimischen Welt, in einer seiner Predigten: „Studiert die Geschichte und ihr werdet verstehen, dass die Juden von gestern die teuflischen Vorväter der Juden von heute sind. Jene sind deren teuflische Nachkommen, Ungläubige, Verfälscher von Gottes Wort, Anbeter des [Goldenen] Kalbes, Prophetenmörder, Verleugner der Prophezeiung [...], der Abschaum der Menschheit. Allah verdammte sie und verwandelte sie in Affen und Schweine [...]. Das sind die Juden: der immerwährende Inbegriff von Betrug, Widerspenstigkeit, Zügellosigkeit, Sünde und Korruption [...].“ [4]

Dieses Image wird auch schon Kindern vermittelt: Im Mai 2002 strahlte der saudische Satellitenkanal Iqraa im Rahmen eines religiösen Frauenmagazins ein Interview mit einem dreijährigen „echten muslimischen Mädchen“ aus, in dem es um „die Juden“ ging. Auf die erste Frage, ob sie Juden möge, antwortete das Mädchen „Nein“. Auf die Frage, warum das so sei, führte sie aus, dass Juden „Affen und Schweine sind“. Als die Moderatorin schließlich fragte, wer dies denn sagen würde, antwortete das Mädchen: „Unser Gott“. „Und wo sagt er das?“ „Im Koran“, so die Antwort der Dreijährigen. Am Ende fasste die Moderatorin zusammen: „Niemand kann sich von Allah ein gläubigeres Mädchen als dieses wünschen [...]. Möge Allah sie und ihre Eltern segnen.“ [5]

Auch der Kolumnist der ägyptischen Oppositionszeitung Al-Ahrar, Salim'Azzouz, bediente sich dieses Bildes als er Israels Rückzug aus dem Libanon im Frühjahr 2000 so beschrieb: „Sie flohen wie die Schweine - mit nichts als der Haut auf ihren Körpern. Aber warum sage ich eigentlich wie die Schweine, wo sie doch tatsächlich Affen und Schweine sind?“

Ein weiteres populäres, traditionell antijüdisches Motiv ist „Das Versprechen der Steine und Bäume“. Nach diesem oft zitierten Ausspruch des Propheten (Hadith) werden die Muslime vor dem Jüngsten Tage gegen die Juden kämpfen und sie besiegen. Um sich zu retten, würden sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken. Die Steine und Bäume aber werden rufen: „Oh, Muslim, oh Diener Gottes, ein Jude versteckt sich hinter mir. Komm und töte ihn.“ Kurz vor dem Irakkrieg zitierte ein Prediger in der größten Moschee in Bagdad diesen Hadith im staatlichen irakischen Fernsehen. Währenddessen schwang er ein Schwert und rief: „Wir werden ihnen die Köpfe abschlagen“.

Westliche Elemente

Der arabische Antisemitismus hat alle europäischen antisemitischen Mythen aufgegriffen. Die offensichtlichsten Beispiele dafür ist die Übernahme der notorischen Ritualmordvorwürfe oder der Bezug auf die „Protokolle der Weisen von Zion“.

Der Ritualmordvorwurf ist in der arabischen und muslimischen Welt immer noch geläufig und tritt sogar in wichtigen staatlichen Zeitungen auf. Zuletzt geschah dies auf dem Satellitensender der libanesischen Hizbullah Al-Manar, der in einer mehrteiligen Vorabendserie zur Geschichte des Judentums unter anderem auf den Ritualmordvorwurf als Propagandainstrument zurückgriff und die vermeintliche Tat in abscheulicher Form inszenierte. [6] Meist werden solche abstrusen Anklagen im Kontext von Kritik an israelischen Aktionen gegen Palästinenser verwendet. Im August 2002 lud der Pariser Gerichtshof den Chefredakteur der ägyptischen Tageszeitung al-Ahram, Ibrahim Nafie, vor. Nafie wurde der Aufstachelung zu Antisemitismus und rassistischer Gewalt angeklagt, weil er die Veröffentlichung eines Artikels mit dem Titel „Jüdische Matze aus arabischem Blut“ erlaubt hatte, der auch in der internationalen Ausgabe der Al-Ahram erschienen war. [7] Der Artikel stellte eine Verbindung zwischen dem „Ritualmordskandal“ in Damaskus aus dem Jahre 1840 und den Aktivitäten Israels in den besetzten Gebieten her. [8]

Die Anklage gegen Nafie, der auch Vorsitzender der arabischen Journalistengewerkschaft ist, rief einen Sturm der Entrüstung und des Protests in der arabischen Welt hervor. In einigen Zeitungen war in der Folge von „intellektuellem Terrorismus“, „einem Schlag gegen die Meinungsfreiheit“, „einer zionistischen Attacke gegen die ägyptische Presse“, von „Erpressung durch die zionistische Lobby in Frankreich“ und von einer „Beleidigung der gesamten arabischen Presse“ die Rede.

Auch die „Protokolle der Weisen von Zion“ werden im antijüdischen Diskurs in der arabischen Welt häufig benutzt, um anhand dieser „Quelle“ die Behauptung von einer „jüdischen Weltverschwörung“ zu belegen. Einige arabische Meinungsmacher zitieren dieses „Dokument“, um zu zeigen, dass es einen heimtückischen jüdischen Herrschaftsplan gibt, wie er in den Protokollen dargelegt wird. Den Juden wird vorgeworfen, alle möglichen Methoden zur Durchsetzung ihres Ziels zu benutzen: Sie kontrollieren demnach weltweit Wirtschaft und Medien, untergraben Moral und menschliche Werte und provozieren internationale und interne Konflikte und Kriege.

Durch die Ausstrahlung der ägyptischen Fernsehserie „Reiter ohne Pferd“ zum Ramadan 2002 wurde die Verwendung der „Protokolle der Weisen von Zion“ als historische Quelle auch über die Region hinaus bekannt und diskutiert. [9] Die bereits erwähnte Serie bildet in gewisser Weise eine Fortsetzung: Zum Ramadan 2003 strahlte ebenfalls zur besten Sendezeit Al-Manar die in Syrien produzierte Vorabendserie Al-Shatat (Die Diaspora) aus, die vorgab, das jüdische Leben in der Diaspora und die Entstehung des Zionismus zu zeigen. Neben den beschriebenen grausigen Ritualmordszenen an einem christlichen Kind wurde auch „dokumentiert“, wie Amschel Rothschild, Gründer einer angeblichen jüdischen Weltregierung, am Totenbett seine Söhne instruiert, die Welt unter sich aufzuteilen und Kriege anzuzetteln, um die Völker der Welt zu unterwandern und so zu schwächen, dass sie den finanziellen und politischen Zielen der Juden dienen würden.

Zwar wissen natürlich viele arabische Autoren, dass es sich bei den „Protokollen“ nicht um eine authentische Quelle handelt, zu selten treten sie allerdings mit diesem Wissen an die Öffentlichkeit. [10] Im Gegenteil kann sogar noch das Zugeständnis, dass es sich um eine Fälschung handle, als Argument gegen die Juden verwandt werden. So schrieb etwa der libanesische christliche Autor Ghassan Tueni: „Wenn wir nicht wüssten, dass die ‚Protokolle der Weisen von Zion’ im 19. Jahrhundert vom russischen Geheimdienst gefälscht worden sind, [...] könnten wir sagen, dass das, was heute passiert, genau dem entspricht, was das Weltjudentum geplant hat. Schließlich ist das was wirklich passiert, dem, was fälschlicherweise dem [Weltjudentum] zugeschrieben wird, sehr ähnlich – etwa die Verschwörung [der Juden], um die Weltherrschaft zu erlangen […]; die weltweiten Aktivitäten [des Weltjudentums] und auf den von ihnen erreichten finanziellen, politischen und militärischen Status. Und zu alldem kommt noch ihr Bestreben, alles zu zerstören, was anderen heilig ist.“ [11]

Holocaustleugnung und Gleichstellung von Zionismus und Nazismus

Neben den vielfach dokumentierten Versuchen, den Holocaust zu leugnen oder zu relativieren [12], besteht der verbreitetste Trend in der arabischen antizionistischen Literatur sicherlich in der Gleichsetzung von Zionismus und Nazismus. So unterstellen eine große Anzahl von Artikeln, Karikaturen oder Fernsehberichten eine Ähnlichkeit zwischen den Ideologien beider Bewegungen. Insbesondere wird dabei immer wieder auf einen israelischen Rassismus gegenüber den Palästinensern verwiesen. Wie die Nazi-Ideologie an die Überlegenheit der arischen Rasse geglaubt habe, so würde der Zionismus die Juden als „auserwähltes Volk“ begreifen und damit ihr Tun und ihre Expansion rechtfertigen. Außerdem, so eine häufig wiederholte Anklage, hätten die Zionisten mit den Nazis kollaboriert. Weil sie Palästina als das einzig mögliche Ziel der jüdischen Emigration ansahen, hätten sie rein humanitäre Bemühungen zur Rettung von Juden kaum unterstützt.

Vor allem aber geht es immer wieder um die Grausamkeit Israels gegenüber der palästinensischen Bevölkerung. Diese sei vergleichbar mit derjenigen „der Nazis“ oder übertreffe diese noch. Israelis, Zionisten oder Juden werden auf diese Weise individuell und kollektiv dämonisiert. Ihnen wird jede Untat dieser Welt potentiell zugetraut oder gar direkt zugeschrieben. So hat sich auch der Glaube bis heute festgesetzt, dass die Attentäter des 11.9. keine Araber oder Muslime gewesen seien. Die Behauptung hingegen, dass amerikanische und/oder jüdisch-israelische Elemente die Attentate begangen haben, ist zu einem verbreiteten Mythos in der arabischen Welt geworden. [13]

Die auch an die nicht-arabische Welt gerichtete politische Botschaft solcher Propaganda ist insbesondere gegenüber Deutschland klar: Wenn es keinen Holocaust gegeben hat, brauchen sich die Deutschen gegenüber den Juden nicht schuldig zu fühlen und müssten sich auf die Seite der Palästinenser stellen. Das gleiche gilt, wenn die Juden von heute so schlimm wie die Nazis von damals sein sollten. Auch dann geböten es Politik und Moral, sich gegen Israel und für die Palästinenser einzusetzen. Mit diesen Positionen sind antiisraelische bzw. antisemitische Positionen anschlussfähig an solche des so genannten „sekundären Antisemitismus“ in Deutschland.

Was ist zu tun?

Trotz all dieser offenkundigen Erscheinungen wurde der Antisemitismus in der arabischen Welt sogar in Israel lange ignoriert. Von ein paar Ausnahmen abgesehen hat die überwältigende Mehrheit der Nahostexperten in und außerhalb Israels das Thema gemieden. [14] Dabei spielt es sicherlich eine Rolle, dass das zionistische Projekt das Problem des Antisemitismus ja eigentlich lösen sollte. Die Feststellung, dass ein Hass, dem die Juden glaubten entkommen zu sein, sie auch im Mittleren Osten traf, wollten viele lieber nicht wahrhaben. Auch die begründete Befürchtung, dass die Aufdeckung antisemitischer Stimmungen auf arabischer Seite eine politische Unnachgiebigkeit in Israel eher noch verfestigen und solchen politischen Gruppen in die Hände spielen würde, die jeden territorialen Kompromiss ablehnen, mag zu dieser Verleugnung beigetragen haben.

Dennoch müssen die Vertreter einer kompromissbereiten israelischen Politik erkennen, dass es nicht nur intellektuell falsch, sondern auch politisch kontraproduktiv wäre, den Antisemitismus auf arabischer Seite weiter zu ignorieren. Antisemitisches Denken ist in den arabischen Gesellschaften weit verbreitet, es ist die wohl derzeit gefährlichste Form des Hasses gegen Juden überhaupt und steht einem nachhaltigen und friedlichen Ausgleich zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn grundsätzlich im Wege. Das ist nicht zuletzt auch daran abzulesen, dass die Friedensabkommen zwischen Israel, Ägypten und Jordanien nicht zu einer tiefer greifenden Normalisierung im Verhältnis der Gesellschaften geführt haben. Sich gegen den Antisemitismus in den arabischen Staaten zu stellen, heißt aus diesem Grund nicht einfach bloß gegen Unwahrheit und Vorurteile zu kämpfen, sondern ist auch der Versuch, einen wesentlichen Bestandteil der Beziehungen zwischen Juden und Arabern zu verbessern.

Deshalb müssen Erscheinungsformen antisemitischer Ideologie weiterhin aufgegriffen und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Zu hoffen ist, dass es auf diesem Wege zu internationalem Protest und diplomatischem Druck auf die relevanten arabischen Regierungen und Institutionen kommt, in deren Verantwortung und unter deren Kontrolle ein wesentlicher Teil antisemitischer Propaganda erfolgt.

Natürlich wird wachsender äußerer Druck von einigen Stimmen in der arabischen Welt nur als neuerlicher Beweis für die Macht der jüdisch-zionistischen Lobby und ihren Versuch, die arabische Welt zu diskreditieren, bewertet und propagandistisch ausgeschlachtet werden. Einige Erfahrungen zeigen aber, dass arabische Regierungen und Intellektuelle Kritik und Protesten nicht gleichgültig gegenüberstehen. So war der Artikel, den der Berater des ägyptischen Präsidenten Mubarak, Usama al-Baz, im Anschluss an Proteste gegen die Fernsehreihe „Reiter ohne Pferd“ an prominenter Stelle veröffentlichte und in dem er den Antisemitismus verurteilte und die „Protokolle der Weisen von Zion“ als Fälschung bezeichnete, ein wichtiger Schritt nach vorn. Tatsächlich wenden sich immer mehr Intellektuelle, Journalisten und auch Politiker in der arabischen Welt gegen Verschwörungstheorien wie den Antisemitismus. [15] Und wenn es zum Beispiel gelänge, durchzusetzen, dass auf den Landkarten aller arabischen Schulbücher auch ein Staat namens „Israel“ verzeichnet wäre, dann wäre auch dies ein nicht zu unterschätzender Schritt in Richtung einer friedlicheren Zukunft für die gesamte Region.

[1] Bernard Lewis, Islam in History: Ideas, Men and Events in the Middle East (London: Alcove Press, 1973), pp. 134-35.

[2] Die folgenden Erkenntnisse basieren auf dem von MEMRI erstellten Material. MEMRI übersetzt und analysiert Zeitungen, Schulbücher, einzelne Websites und Freitagsgebete in Moscheen. Mit dem MEMRI TV Projekt werden seit kurzem auch politische Magazine, Expertenrunden oder Predigten aus dem arabischen und iranischen Fernsehen übersetzt.

[3] Qur'an, 2:65, 5:60, 7:166. Zwei dieser Auszüge (2:65 and 7:166) verdeutlichen, dass die Nichteinhaltung der Vorschriften zum Sabbat der Grund für diese Verwandlung war. An einer Stelle (5:60) wird dies als die Bestrafung der ahl al-kitab ("Leute des Buches", eine Bezeichnung für Juden und Christen) beschrieben, die sich weigerten, den wahren Glauben anzunehmen.

[4] Vgl. MEMRI Special Report No. 11 (1. November 2002) von Aluma Solnick, 'Based on Koranic Verses, Interpretations, and Traditions, Muslim Clerics State: The Jews Are the Descendants of Apes, Pigs, And Other Animals'.

[5] Iqraa Television (Saudi Arabia), 7. Mai 2002.

[6] Vgl. MEMRI Special Dispatch – 18. Dezember 2003 ‘A Ramadan 2003 TV Special on Ritual Murder’
> Link

[7] Vgl. MEMRI Special Dispatch - 6. September 2002: ‘French Legal Authorities Investigating Editor of Major Egyptian Daily for Antisemitism’
> Link

[8] Eine Begebenheit, bei der eine Gruppe Damaszener Juden beschuldigt wurde, einen Ritualmord an dem italienischen Kapuzinerbruder Thomas und seinen muslimischen Diener verübt zu haben. Der Vorfall dokumentiert den Einfluss des christlichen Antisemitismus auf die Verbreitung antijüdischer Einstellungen unter Muslimen.

[9] Am 6. November 2002 zeigten einige arabische Fernsehanstalten (das ägyptische Staatsfernsehen eingeschlossen) die erste Folge der 41-teiligen Serie “Reiter ohne Pferd”, in der die „Protokolle der Weisen von Zion“ als historisches Dokument verwendet werden. Die Serie führte zu Protesten, das amerikanische Außenministerium drängte die ägyptische Regierung, die Ausstrahlung der Serie zu verhindern. Zu zahlreichen Debatten kam es auch in der arabischen und insbesondere der ägyptischen Presse. Während die meisten Journalisten die Ausstrahlung der Serie befürworteten und die Kritik von außen als Zensurversuch ablehnten, kritisierten andere die Ausstrahlung solch antisemitischer Sendungen scharf.
Vgl.: MEMRI Inquiry and Analysis - 18. November 2002 “Arab Press Debates Antisemitic Egyptian Series 'A Knight Without a Horse'”
> Link
MEMRI Inquiry and Analysis - 19. November 2002 “Arab Press Debates Antisemitic Egyptian Series 'A Knight Without a Horse' – Part II”
> Link
MEMRI Inquiry and Analysis - 10. Dezember 2002 “Arab Press Debates Antisemitic Egyptian Series 'A Knight Without a Horse' – Part III”
> Link

[10] Zu ihnen zählen unter anderem der syrische Philosoph Sadeq Jalal al-Azm, der Berater Mubaraks, Usama al-Baz, sowie der ägyptische Autor Abd al-Wahhab al-Massiri, Herausgeber einer arabischen Enzyklopädie über das Judentum.

[11] Al-Ayyam (Palestinian Authority), 28. März 2000. Dieser Artikel erschien ursprünglich aus der libanesischen Tageszeitung Al-Nahar.

[12] Hier nur zwei jüngst auf unserer Homepage dokumentierten Bespiele:
MEMRI Special Dispatch – 30. Juli 2004 „Ruling Party Newspaper: The Holocaust is a Zionist Lie Aimed at Extorting the West“
> Link
MEMRI Special Dispatch – 27. August 2003 “Hamas Leader Rantisi: The False Holocaust”
> Link

[13] A New Antisemitic Myth in the Middle East Media: The September 11 Attacks Were Perpetrated by the Jews
(Washington, DC: MEMRI, 2002).

[14] Yehoshafat Harkabi's 'Die arabischen Haltung im israelisch-arabischen Konflikt’, welches 1968 auf erschien, bleibt bis heute die grundlegende Arbeit über das Thema ('Arab Attidues to Israel’, Tel Aviv Devir, 1968). Harkabi zögerte nicht, das Phänomen als Antisemitismus zu bezeichnen. Danach erschien 1971 Bernard Lewis’ Buch 'Semiten und Antisemiten’. Andere Autoren sind z.B. Rivka Yadlin, Norman Stillman, Hieb Ye'or und Ron Nettler.

[15] Yigal Carmon, "Harbingers of Change in the Antisemitic Discourse in the Arab World" (MEMRI, Inquiry and Analysis Series, No. 135, April 23, 2003).

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